11.06.2019 Jessica Ullrich



11.06.2017 Dr. Jessica Ullrich


Who Cares for Animals? Interspezies-Fürsorge und -Mutterschaft in der zeitgenössischen Kunst


Abstract:


Die amerikanische Psychologin Carol Gilligan entwickelte 1982 mit ihrer Ethics of Care eine von ihr weiblich konnotierte Richtung der Moralphilosophie, die besonderen Wert auf die Beziehungen von Individuen untereinander legt und sich von einer eher männlich besetzten Moralkonzeption, die Rechtsansprüche gegeneinander abwägt, abgrenzt. Brian Luke fasst dies so zusammen:


The justice framework is characterized by abstraction, the application of general rules of conduct, an emphasis on restraining aggression, and a concern for consistency and the fair resolution of conflicting claims and interests. The caring framework, on the other hand, characterized by its focus on the concrete and particular, its emphasis on the maintenance and extension of connection, and by its concern for responsiveness and the satisfaction of needs.


Dass es ein typisch weibliches Moralempfinden gibt, das vom männlichen abweicht, ist zu Recht als essentialistisch und biologistisch kritisiert worden. Dennoch bleibt Fürsorge im Alltagsverständnis weiblich besetzt und wird traditionellerweise u. a. mit aufopfernder Mutterschaft und Krankenpflege oder der Betreuung von Gästen verknüpft. Dabei wird fürsorgliches Verhalten in der Regel als Mensch-zu-Mensch-Kontakt gedacht.


Die Care-Ethik ist aber auch in die feministische Tierethik eingeflossen und wird für Interspezies-Beziehungen fruchtbar gemacht. Passenderweise wird Empathie mit Tieren ohnehin oft ‚gegendert’ und als typisch „weibliche“ Fähigkeit verstanden. So stellen u.a. Horkheimer/Adorno fest: „Die Sorge ums vernunftlose Tier aber ist dem Vernünftigen müßig. Die westliche Zivilisation hat sie den Frauen überlassen.“


Wie sich zeitgenössische Künstlerinnen mit diesen Zuschreibungen auseinandersetzen, indem sie die Klischees der Mutter, Krankenschwester und Gastgeberin zwar affirmativ aufgreifen, aber durch den Transfer in einen zwischenartlichen Kontext überschreiten, soll an einigen ausgewählten zeitgenössischen Arbeiten vorgeführt werden Mit ihren tierinvolvierenden performativen Arbeiten, bei denen sich auf teilweise provozierende Weise weibliche Fürsorge auf nicht-menschliche Tiere erstreckt, kommentieren, reflektieren, analysieren oder affirmieren sie Vorstellungen von der idealen Mutter, Krankenschwester und Gastgeberin und überprüfen die Möglichkeiten der Fürsorge über Spezies-grenzen hinweg. Alle Künstlerinnen argumentieren dabei mit einem intimen Interspezieskontakt, der heute zumindest in westlichen Industrienationen als unangebracht gilt. Das ist beispielsweise der Fall bei einem Projekt der slowenischen Künstlerin Maja Smrekar, die einen Welpen an der eigenen Brust stillt.


Es ist zwar gesellschaftlich akzeptiert und erwünscht, dass man auch nicht-menschlichen Wesen Pflege und Fürsorge angedeihen lässt; körperlichen Formen des Motherings wird jedoch mit Skepsis begegnet und häufig als fehlgeleitete, abartige Liebe pathologisiert. Der Vortrag diskutiert, ob aber solche Formen der im Rahmen eines Kunstwerks vorgeführten Interspecies Care nicht auch Potentiale für eine Neubewertung von Mensch-Tier-Beziehungen haben könnten. Ausgangspunkt der Analyse sind die feministischen Animal Studies wie sie von Marti Kheel, Josephine Donovan und Carol Adams vertreten werden, aber auch Vinciane Desprets und Donna Haraways Theorien zu einem möglichst unhierarchischen, empathischen, körperlichen und vielfältig miteinander verflochtenen Interspezieskontakt.


Bio:


Jessica Ullrich, Dr. phil., studierte Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Germanistik in Frankfurt sowie Kultur- und Medienmanagement in Berlin. Sie war Gastprofessorin für Ästhetik und Kunstdidaktik an der Kunstakademie Münster, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Human-Animal Studies an der Universität Erlangen-Nürnberg sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kunstwissenschaften an der Universität der Künste Berlin und Kuratorin für Bildung und Vermittlung am Kunstpalais Erlangen. Derzeit unterrichtet sie im Lehrauftrag an der Goethe-Universität Frankfurt, der Europa-Universität Flensburg, der Universität der Künste Berlin und der Kunstakademie Münster.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Materialästhetik, Posthumanismus, Ecocriticism, Environmental Art, Performance Art, Empathie- und Affektforschung und vor allem Animal Studies. Lebende Tiere in der Gegenwartskunst und die damit verbundenen ästhetischen, (kunst-)philosophischen, ethischen und ökologischen Diskurse stehen derzeit besonders im Zentrum ihrer Forschungstätigkeit. Zu diesem Thema hat sie breit publiziert, international Ausstellungen kuratiert und Konferenzen organisiert. Sie ist Herausgeberin von Tierstudien im Neofelis-Verlag und im Beirat von Antennae. The Journal of Nature in Visual Culture, der Zeitschrift für Kritische Tierstudien und der Buchreihe Cultural Animal Studies im Metzler Verlag. Außerdem ist sie im Vorstand der von Tom und Nancy Regan gegründeten Culture and Animals Foundation und im Beirat des METIBE (Büro für Mensch-Tier-Beziehungen) sowie (Gründungs-)Mitglied in verschiedenen Animal Studies-Gruppen FITT (Forschungsinitiative Tiertheorien), IRI (Individual Rights Initiative), Animals in History, CLAS (Cultural Animal Studies), Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung, Animalität und Ästhetik, IFCEAS (Interfaculty Forum for Cultural Environmental and Animal Studies) und EACAS (European Association for Critical Animal Studies).

Jessica Ullrich ist Repräsentantin von Minding Animals Germany.