21.05.2019 Marion Mangelsdorf



21.05.2019 Dr. Marion Mangelsdorf


Aisthetische Narrationen posthumaner Verbundenheit [connectedness]


Abstract:


Gewohnt sind wir uns den Planeten als Erdball vorzustellen. In diesem Bild imaginieren die Menschen sich nicht als Teil des Ganzen, sondern halten sich die Erde auf Abstand. In dieser Ikonographie verstehen sich Homo Sapiens als die-jenigen, die ebenso verwaltend wie schützend auf ein rundes Etwas im Orbit zugreifen. Gewohnt sind wir, dass dieser Erdball in humaner Obhut ruht. Passiv liegt eine blaue mit Kontinenten überzogene Kugel in der Schale einer weißen Hand. Zu diesem Konstrukt lässt sich schwer eine emotionale Bindung aufbauen, noch tritt die Vielfalt dessen in Erscheinung, wer und was auf diesem Globus sträucht, kreucht, lebt, gedeiht, stirbt und vergeht.


Zoomen wir von diesem Makrokosmos in Mikrokosmen hinein, lässt sich die Erde als Grund und Boden betrachten, als Terrestrische, wie Bruno Latour (2018) sie im gleichnamigen Manifest bezeichnet. Es ist ein Grund und Boden, den Menschen kultivieren. Die Erde lässt sich sodann ebenso als Land wie auch als Humus verstehen. An dieser Erde machen sich Menschen die Hände durchaus schmutzig. Diesem Terrestrischen sind wir gewohnt, einen Wert zuzuschreiben, der uns tief hineinzieht in die Agonie des Lebendigen im Mit- und Gegeneinander unterschiedlicher Spezies. Es verstrickt uns ins Artensterben, ruft Begriffe wie die des Anthropozän auf.


Nackt stehen wir dann da, werden zu earthlings, Erdlingen, wie Donna Haraway uns aufrecht Gehende in Staying with the Trouble (2016) bezeichnet. Als solche begreifen wir uns als Existenzen, die – sobald sie sich dem Boden, auf dem sie stehen – nähern, beginnen wahrzunehmen, dass es um sie herum krabbelt, duftet, surrt, atmet und sich windet. In solchen Momenten können wir aufmerksam für das werden, worum diese Narrationen kreisen: Multi- und Interspezieskommunikation, Interaktionen zwischen Entitäten, die nicht unverbunden miteinander betrachtet werden können und deren Eigenwert Respekt gebührt.


Jedoch, die Bilder, Metaphern und Bezeichnungen, die sich tief in meinesgleichen eingeprägt haben verleugnen unsere parasitären Verschlingungen und symbio-genetischen Durchdringungen. Dem gegenüber möchte ich fragen: Wie lassen sich Narrationen entwickeln, um den sinnesreichen Spektakeln zu frönen, in die uns in eine posthumane Verbundenheit hineinzieht? Wie können wir lernen, dem zu begegnen, was allein durch seine Präsenz ein spezifisches materiell-körperliches Da-Sein verlautbaren läßt und dies selbst dann, wenn es auf Sequenzebenen und mittels Stofflichkeiten geschieht, die uns nicht unmittelbar zugänglich sind?


Als Kulturwissenschaftlerin, Genderforscherin und Etho-Ethnographin möchte ich anhand von Beispielen aus meiner interdisziplinären und künstlerischen Forschung vielgestaltigen Interspezieskommunikationen nachgehen und fragen, wie wir die Rede von ‚Gender als interdependenter Kategorie‘ dafür fruchtbar machen können, nicht nur eine andere Haltung zu uns selber, sondern auch zu den uns umgebenen Erdlingen zu entwickeln.


Bio:


Dr.in Marion Mangelsdorf ist Geschäftsführerin der Freiburger Gender Studies am Zentrum für Anthropologie und Gender Studies (ZAG), Leiterin des BMBF-Verbundprojekts Gendering MINT digital und Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich Muße. Praktiken, Raumzeitlichkeit und Grenzen. Ihre Doktorarbeit schrieb sie zum Verhältnis Mensch-Wolf und in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Ines Lechleitner entwickelte sie etho-ethnographische Aufzeichnungen von Mensch-Pferd-Interaktionen (http://ineslechleitner.com/works/h-like-horses.html).